The Brandos

Biography - Für Leute, die mehr wissen wollen

Text aus dem Booklet der CD "The Brandos - Contribution. The Best Of 1985-1999", verfasst von Dave Kincaid.
Übersetzung: Dirk Schumacher, Ronald Halmen, Jörg Bochmann im Januar/Februar 2000.

Ost trifft auf West, Seattle trifft auf New Jersey - Der Sound der  Brandos entwickelte sich aus einer Verschmelzung dieser zwei verschiedenen Lebensweisen und Musikstile.

Im Herbst  1984 spielten  Larry Mason und  ich in den Clubs von  Seattle als Mitglieder der Allies, einer der fleißigsten Bands der Szene jener Zeit. Mit einem lokalen Radiohit, "Emma Peel", mit von Seiten der Kritiker beklatschten Aufnahmen und mit einem Video unter dem Arm, rackerten sich die Allies mindestens sechs Tage die Woche ab und traten überall im Nordwesten der USA auf, bis hinauf nach British Columbia in Kanada.

Zur selben Zeit spielte die in  New Jersey beheimatete Gruppe "Soul Attack" - mit  Ernie Mendillo und  Ed Rupprecht in ihren Reihen - Konzerte in ihrem Heimatstaat und dessen Umgebung, mit gelegentlichen Ausflügen nach New York. Auch sie haben 1984 eine Platte auf einem lokalen Label veröffentlicht.

Nachdem ich seit der Gründung der Allies im Sommer 1979 in dieser Band gespielt hatte, stellte ich fest, dass sie nun an ihre Grenzen stieß und dass es Zeit war, sich weiterzuentwickeln. Zu jenem Zeitpunkt war die Szene in Seattle klein und unbekannt und ich hätte irgendwo sein müssen, wo man bessere Aussichten auf das Erringen nationaler und internationaler Aufmerksamkeit gehabt hätte. Es gab nur eine Wahl:  New York City. Ich war niemals dort gewesen, aber es war und ist die Kulturstadt ersten Ranges in den Vereinigten Staaten und vor allem hatte sie eine bedeutende Musikszene. Ich packte meine Gitarren, Aufnahme-Zubehör für Demos und ein paar Klamotten zusammen und landete an einem bitterkalten Abend Anfang Februar  1985 auf dem La Guardia-Flughafen.

Sofort nach der Ankunft begann ich, die lokalen Musikzeitschriften, namentlich die "Village Voice", nach einer neuen Band zu durchstöbern. Soul Attack hatten gerade ihren wichtigsten Sänger und Songschreiber verloren und hatten in dieser Zeitung inseriert, um einen Ersatz für ihn zu finden. In ihrer Anzeige wurden "R.E.M., Creedence und Motown" als Einflüsse genannt. Die ersten beiden waren perfekt, das letzte nicht so ganz, aber ich beschloss, es mal mit ihnen zu probieren. Gegen Mitte März, nach zwei Proben und nachdem beide Seiten alles nochmals überdacht hatten, wurde entschieden, dass ich neues Mitglied von  Soul Attack werden würde. Von Anfang an war klar, dass Ernie, Ed und ich auf einer Wellenlänge lagen. Andererseits war ihr Schlagzeuger ein Kapitel für sich. Ich kam bald zu dem Schluss, dass es Zeit war, komplett neu anzufangen - unter neuem Namen, mit neuem Schlagzeuger, neuen Songs... einfach alles erneuern. Ich hatte wenig Mühe, die beiden anderen Jungs, die von den sinnlosen Auftritten an der Küste von Jersey die Schnauze voll hatten und von der Situation sichtbar enttäuscht waren, davon zu überzeugen. Im Juni nahmen wir zu dritt mit Hilfe einer Drum-Machine in meinem Brooklyner Appartement fleißig neue Songs auf einem vierspurigen Kassettendeck auf. Bei einigen Songs, wie "Nothing To Fear" und "Walk On The Water", handelte es sich um Songs, die ich in den letzten Tagen der Allies geschrieben hatte. Die meisten, wie "Hard Luck Runner", waren hingegen brandneu. Sie alle bekamen eine kräftige Dosis von New Yorker Eigentümlichkeit und Intensität... wir wussten von dem Augenblick an, als wir die ersten Überspielungen hörten, dass wir das gewisse Etwas hatten.

Nachdem wir noch einige Monate mit Aufnahmen und der Weiterentwicklung unseres Sounds verbracht hatten, waren wir bereit, live aufzutreten. Als erstes mussten wir einen Namen finden. Ernie und Ed erzählten mir die Geschichte, wie sie bei ihren Auftritten zu Soul-Attack-Zeiten Sonnenbrillen aufgesetzt und sich anders angezogen hatten, um in dieser Verkleidung als ihre eigene Vorgruppe Cover-Songs aus den 50er und 60er Jahren zu spielen. Diese Pseudoband wurde "The Brandos" genannt, nachdem Ed den Film "The Wild One" mit Marlon Brando gesehen hatte. Ich stellte fest, dass der Name perfekt zu dem passte, was wir gerade machten. Die anderen drei waren derselben Meinung und so wurde aus einer Sache, die ursprünglich nur ein Scherz war, unser neuer ernsthafter Aufmacher.

Natürlich konnte es ohne einen Schlagzeuger mit uns nicht richtig funktionieren und so setzten wir eine Anzeige in die "Voice" und begannen mit der Marter, die mit dem Vorsprechen von Schlagzeugern verbunden war. Nachdem wir ungefähr eine Woche lang jener Subkultur ausgesetzt waren, die jede Anzeige in dieser Zeitschrift beantwortete, schlug ich vor, von der Fortsetzung dieses Vorgangs Abstand zu nehmen und zu sehen, was mein alter Band-Kollege  Larry Mason so machte.  Larry war von dieser Perspektive, die sich ihm bot, begeistert und daher buchte er im November einen Flug für die "Proben". Wie vorhergesagt, passte er perfekt ins Bandgefüge und sein Vorhaben, nach New York umzuziehen, setzte er dann Ende Januar 1986 in die Tat um.

Für Außenstehende war unser erster Live-Auftritt in jenem Februar anlässlich der Party einer College-Verbindung in New Jersey wohl nicht sonderlich beeindruckend, aber für uns war es der Auftakt einer großartigen Live-Karriere. Durch diese erste Show waren wir so energiegeladen, dass wir uns dann darauf konzentrierten, in New York City zu spielen, wo und wann wir nur konnten. Solange wir spielten, würden wir besser werden und einen Erfolg zu landen. Der Glaube an uns selbst war unzähmbar und nahezu irrational, aber damit ebneten wir uns den Weg durch jede Situation. Im Mai jenes Jahres fuhren wir nach Seattle auf unsere erste Tournee, um in überfüllten Läden der alten Allies-Szene zu spielen.

Nach der Rückkehr nach New York spielte die Band weiter in den meisten der renommiertesten Clubs der Stadt wie CBGB, Tramps, The Bitter End und Kenny's Castaways. Bis Oktober hatten wir genug Material und Live-Erfahrung gesammelt, um ein Album aufzunehmen.  Noch im selben Monat gingen wir mit von Freunden und Familie geliehenem Geld in die Mix-O-Lydian-Studios in New Jersey und begannen, unser  erstes Album aufzunehmen. Dies war der Beginn einer langen Zusammenarbeit mit diesem Studio und einer Freundschaft mit dessen Chef-Ingenieur  Don Sternecker, mit dem wir auf jedem nachfolgenden Album zusammenarbeiteten.

Den gesamten Februar  1987  hindurch gingen die Auftritte und die Aufnahmen weiter und während dieser Zeit setzte ich das Schreiben neuer Songs mit meinem Partner  Carl Funk fort. "Gettysburg" war der letzte Titel, der für dieses Album geschrieben wurde und von Anfang an war es für jeden klar, dass genau dieser etwas ganz Besonderes war. Mit einigen groben Mixen von diesem Album ausgerüstet, begann ich, um einen Plattenvertrag zu verhandeln. Innerhalb von zwei Wochen hatten wir zwei Angebote, von denen das von  Relativity Records in New York das beste war und welches wir akzeptierten.

Gerade auf einem ersten Höhenflug durch die Unterzeichnung unseres  ersten Plattenvertrages, spielten die Brandos ihre erste Europa-Tournee in Deutschland im Mai dieses Jahres. Die Tournee war ein glänzender Erfolg und bereitete das Terrain für viele noch kommende vor. Ende August kam schließlich das Veröffentlichungsdatum für das Album und die Band begann in den Staaten als Vorgruppe für so bekannte Bands wie The Georgia Satellites, INXS und The Cars zu touren. Das erste Video wurde veröffentlicht und wurde regelmäßig im Programm von  MTV gespielt. Die ersten günstigen Kritiken begannen einzutrudeln: der "Gavin-Report" betitelte uns als "Beste neue amerikanische Band", der "Rolling Stone" brachte eine ganzseitige Geschichte und nannte uns "ernstzunehmende Anwärter" und das "Time Magazine" hielt es mit dem Zitat fest, "The Brandos besitzen tiefgehende Wurzeln, die sehr Nahrhaftes zu bieten haben". Anfang  1988 gewann die Band bei den New York Music Awards den Preis für das  beste Album auf einem Independent-Label und ich wurde mit dem Preis für den  besten männlichen Sänger auf einem Independent-Label geehrt.

Während dieses Zeitraums wurden wir dazu ermuntert, einen Manager zu engagieren, was wir auch taten. Das stellte sich aber als ein Fehler heraus, von dem wir uns nie wieder komplett erholt haben. Auf seinen Rat hin und wider mein besseres Urteil verließen wir  Relativity Records, mit welchem wir eine solide Partnerschaft hatten, und gingen zu  Geffen Records. Diese Veränderung beanspruchte acht Monate voller Rechtsstreitigkeiten und endete als Desaster, worauf wir wieder die Firma wechselten und zu RCA Records gingen. Im Februar 1989 begannen die Brandos schließlich die Aufnahmen zu unserem zweiten Album, das "Trial By Fire" genannt werden sollte.

Die langen Rechtsstreitigkeiten hatten verheerende Auswirkungen auf die Band und folglich gingen wir äußerst demoralisiert in die Studios, mit hohen Schulden, die über unseren Häuptern schwebten, da RCA ein Vermögen für unseren Vertrag hingeblättert hatte. Das Ergebnis war ein Album, das eineinhalb Jahre zur Fertigstellung brauchte und am Ende bestenfalls leb- und fruchtlos war. Im Juni 1990, gerade als wir mit dem Album fertig waren, übernahm ein neuer Präsident das Zepter bei RCA. Seine erste Amtshandlung, der auch die  Brandos zum Opfer fielen, war, fast alle Bands dieses Labels zu feuern. Das war eine harte Zeit, da das ganze Musikgeschäft in den Staaten kollabiert war. Unser Land steuerte auf eine tiefe wirtschaftliche Rezession und auf den Golf-Krieg zu. Versuche, das neue Brandos-Album "Trial By Fire" bei einem anderen Label unterzubringen, schlugen fehl und zu Beginn des Jahres 1991 sahen wir ein, dass das Album niemals veröffentlicht werden würde. Wir würden komplett neu anfangen müssen. In einer harten Stadt wie New York zu leben, lehrt einen, ebenso zäh zu sein, und was die meisten Bands wohl zerstört hätte, bewirkte bei uns nur, noch härter zu arbeiten.

Einen Großteil von  1991 verbrachten wir damit, neues Material für ein neues Album, aus dem später "Gunfire At Midnight" werden würde, zu schreiben und aufzunehmen. Dies brachte uns im Frühjahr  1992 einen Vertrag mit  SPV Records in Deutschland ein. Das waren für diesen Moment gute Nachrichten, langfristig hingegen war es schädlich, weil die Band unwissentlich jegliche Kontrolle über ihre US-Karriere für die kommenden sechs Jahre abgegeben hatte. Ausgiebige Tourneen in Europa folgten, was die Fanbasis der Band weiter festigte, obgleich das nicht ohne schwere Opfer vonstatten ging. 1993 entschieden Gitarrist  Ed Rupprecht und Schlagzeuger  Larry Mason, dass sie genug vom  Rock'n'Roll-Leben hätten, beide verließen das Musikgeschäft, allerdings tauchte Larry später, zusammen mit Carl Funk, wieder in der  Musik auf.

Da wir immer schon besonders hartnäckig waren, machten Ernie und ich weiter und nahmen  1993/94 mit Hilfe einiger Freunde, darunter den ex-Del Lords-Mitgliedern  Scott Kempner und  Frank Funaro, unser viertes Album "The Light Of Day" auf. Dafür wollte ich mein musikalisches Erbe ein bisschen weiter erforschen, es in den Sound der Brandos einbinden und eine rockige Mischung aus  Brandos-typischem Rock'n'Roll und den älteren amerikanischen und irischen Musik-Traditionen herstellen. Meine Familie ist irischen Ursprungs und ich bin mit traditioneller amerikanischer und irischer Folk-Musik aufgewachsen. Wir fanden, dass es großen Spaß machte, diese Sachen live zu spielen und das Publikum reagierte großartig darauf.

Scott und Frank vervollständigten die Live-Besetzung der Band und eine ausgiebige Tournee sowie ein Live-Album, das in Amsterdam im Dezember  1994 aufgenommen wurde, folgten. Im Hinblick auf den Würgegriff, in dem sich die US-Karriere der Band befand, passenderweise "In Exile - Live" genannt, fing dieses Album, das im Spätsommer 1995 veröffentlicht wurde, sowohl die Kraft als auch die Energie der Brandos-Live-Show ein. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung unseres letzten Studio-Albums meldeten die Brandos sich  1996 mit "Pass The Hat" zurück, einem Album, auf dem wir mit den starken gesanglichen und gitarrentechnischen Fähigkeiten des neuen Mitglieds Frank Giordano debütierten. Nachdem die Band nun dazu rechtlich in der Lage war, nahm sie vier Stücke von dem unveröffentlichten "Trial By Fire"-Album neu auf und reihte sie in das Album ein. Dieses Album markierte die Rückkehr zu einem schnörkellosen E-Gitarren-Sound und zählt zu den Favoriten der Band. In der ersten Hälfte 1997 machten wir eine Pause, (was mir erlaubte, mein Solo-Album "The Irish Volunteer" aufzunehmen), dann ging es im Juli  1997 mit Gitarrist  Frank Giordano und Schlagzeuger Tom Goss wieder auf Europa-Tournee und danach im Herbst zurück ins Studio, um unser bislang letztes Album "Nowhere Zone" aufzunehmen. Dieses Album ist wahrsten Sinne des Wortes ein Fan-Album. Es enthält auf ihren Wunsch hin sowohl Songs, die die Band zwar über Jahre hinweg live gespielt aber nie aufgenommen hat, als auch Neuaufnahmen der verbliebenen sechs Songs des unveröffentlichten Albums "Trial By Fire". Dieses Album schließt jenes sehr schmerzvolle Kapitel in der Geschichte der Brandos ab und erschließt den Pfad zu neuen Gebieten.

Dieser Veröffentlichung folgten zwei großartige Europa-Tourneen im Dezember 1998 und Juli 1999, auf denen sich diesmal Schlagzeuger  Tom Engels zu uns gesellt hatte und in deren Verlauf wir auf derselben Bühne wie Bryan Adams, Van Morrison und Deep Purple standen.

Mit dieser "Best Of"-Sammlung feiern wir eine fast fünfzehnjährige Karriere mit den Brandos. Wir haben mit den Songs auf diesem Album versucht, die Band von ihren allerersten Anfängen bis in die Gegenwart darzustellen. Ich kann bei all den Erinnerungen sowohl lachen als auch in Tränen ausbrechen und ich bedauere nichts. Der Belohnungen gab und gibt es fortwährend zahlreiche.